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29. Juli 2010

Berufsorientierung

Berufsorientierung in Schulen
Von Petra v. Berlepsch, Ulrike Lexis und Clemens Wieland

Zur Notwendigkeit von Berufsorientierung in Schulen
Eine möglichst breit gefächerte und umfassende Berufsorientierung ist eine der vielen schwierigen gesellschaftlichen Aufgaben, die Schulen heute übernehmen müssen. Die gesellschaftlichen Kosten des Bildungs-Abbruchs sind nach wie vor immens. Für den einzelnen Jugendlichen führt ein Abbruch zu frühzeitiger Frustration und vermeidbarem Misserfolgserlebnis. Dabei entscheidet die Erstqualifikation in Berufsausbildung oder Studium nach wie vor – als notwendige, nicht als hinreichende Bedingung – über zukünftige Lebenschancen, Konsummöglichkeiten und sozialen Status. Scheitert ein Jugendlicher schon beim Übergang von der Schule in den Beruf, ist sein weiterer Weg – oft eine Sozialhilfekarriere – schon vorgezeichnet. Entsprechend hoch sind die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen Berufsorientierung und die Verantwortung der Schule.

Verantwortlichkeit, Ziele und Inhalte
Ist Beruforientierung Aufgabe der Schulen? Eine gelingende Berufsorientierung ist gemeinsame Aufgabe von Schule, Elternhaus, Berufsberatung und Wirtschaft. Eine gute, in enger Kooperation mit Unternehmen und anderen Akteuren stattfindende Berufsorientierung kann Erfolg haben, wie verschiedene Beispiele zeigen. Bundesweite Institutionen wie die Arbeitskreise Schule-Wirtschaft der Arbeitgeberverbände und die Beiräte Schule-Beruf aus Arbeitsamt und Schulamt tragen dem Rechnung. Exemplarisch für einen privaten Zusammenschluss sei hier das Unternehmensnetzwerk „Berufsorientierung und Arbeitsplatzvermittlung für Hauptschüler in Hamburg“ sowie das Engagement der BASF im Rhein-Main-Neckar Raum genannt.

Inhalte
Die strukturellen Gegebenheiten der Umwelt sind von besonderer Bedeutung für die Berufsorientierung in Schulen. Dazu gehören vor allem die sich schnell wandelnden Anforderungen des Arbeitsmarkts, sei es durch neue Berufe und veränderte Qualifikationsanforderungen, neue Studiengänge, den weiter wachsenden Dienstleistungssektor, die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien, den allgemeinen technischen Fortschritt etc. Daraus ergibt sich für die berufliche Orientierung in Schulen fortlaufender Änderungs- und Anpassungsbedarf. Ein Abiturient kann heute bereits zwischen 360 Ausbildungsgängen und 9.000 Studienmöglichkeiten wählen.

Schüler müssen über neue Berufsbilder ebenso informiert werden wie über die Auflösung von Berufsgruppen durch den Wegfall bestimmter, vielfach industrieller Tätigkeiten. Gleichfalls ändern sich die Studienfächer- und -abschlüsse: So werden inzwischen weniger Magisterstudiengänge angeboten und auch die klassischen Diplomabschlüsse werden im Rahmen des Bologna Prozesses internationalen Standards angeglichen, d. h. zunächst erfolgen in der Regel sechssemestrige Bachelor-Studiengänge, denen ein zweijähriger Masterstudiengang folgen kann, aber nicht muss. Diese Änderungen sollen gleichzeitig einfachere Wechsel an ausländische Universitäten ermöglichen, womit auch der zunehmenden Internationalisierung der Arbeitsmärkte Rechnung getragen wird.

Stärkung persönlicher
Neben den fachlichen Kompetenzen der Schüler müssen auch ihre persönlichen gefördert und beurteilt werden. Die Schüler müssen bei der Klärung ihres Selbstbildes, ihrer Interessen, der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Begabungen unterstützt und angeleitet werden. Vor allem das Schüler-Lehrer-Einzelgespräch sollte im Schulalltag verankert werden, um die Reflexion und Korrektur des Selbstbildes der Schüler zu ermöglichen und letztlich die Selbsteinschätzung der Schüler zu erleichtern.

Vorgaben, Rahmenbedingungen und Standards
Der Rahmen der beruflichen Orientierung in Schulen wird von den Kultusministerien der Länder in Schulgesetzen, Rahmenrichtlinien, Verordnungen, Verwaltungsvorschriften etc. festgelegt. Die Vorgaben der einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich. Differenzierungen ergeben sich in der Regel sowohl zwischen den einzelnen Schulformen bzw. zwischen Sekundarstufe I und II als auch in der inhaltlichen Abgrenzung von Berufsorientierung. Als grobe, übergeordnete Zielsetzungen werden Berufswahlkompetenz, Berufswahlfähigkeit und Berufswahlreife genannt. Diese werden weiter spezifiziert in Ziele wie:

  • einen Überblick über die Ausbildungsmöglichkeiten erhalten,
  • auf die Arbeits- und Berufswelt vorbereiten,
  • sich „äußere“ Einflüsse auf die Entscheidung bewusst machen und
  • die Entscheidung selbstständig treffen,
  • individuelle Fähigkeiten erkennen etc.,

d. h. es wird, insbesondere in den neueren Lehrplänen, den drängenden Problemen der Umwelt auch auf dem Papier Rechnung getragen.

Dass viele wichtige Aspekte beruflicher Orientierung inzwischen von den vorgegebenen Rahmen berücksichtigt werden, führt jedoch offensichtlich noch nicht überall zu den gewünschten Ergebnissen. Dies zeigen die zahlreichen zusätzlichen Initiativen von Verbänden, Stiftungen und anderen Institutionen zu diesem Thema.

Moderne Berufsorientierung braucht ein schulinternes Curriculum
Allgemeine Standards der Berufsorientierung wären für die Entwicklung schulinterner Curricula hilfreich, damit der Rahmen mit konkreten Inhalten gefüllt werden kann. Die allgemein gehaltenen Vorgaben müssen auf Schulebene spezifiziert und detailliert werden. Das Portfolio verschiedener Maßnahmen zur beruflichen Orientierung ist breit, daher ist sinnvolle, kriteriengestützte Selektion auch eine Aufgabe der Schule: Zu den vielfältigen Möglichkeiten gehören etwa Besuche des BIZ, die Durchführung von Schülerpraktika, die Pflege von Unternehmenspatenschaften, Bewerbungstrainings, Unternehmenserkundungen und Expertengespräche.

Insgesamt wird deutlich, dass die Berufsorientierung nach wie vor sehr unterschiedlich gehandhabt wird, sowohl was die fachliche Zuordnung als auch Umfang und Verteilung der Inhalte auf Jahrgangsstufen betrifft. Auch regional gibt es teilweise deutliche Unterschiede, z. B. führt ein Gymnasium das Berufspraktikum in der 9. Jahrgangsstufe durch, das Nachbargymnasium erst in der 11. Hier stellt sich die Frage nach der Verbindlichkeit der Maßnahmen zur Berufsorientierung für die einzelnen Schulen, wobei ein Entwurf für ein länderübergreifendes „Kerncurriculum im Lernfeld Arbeitslehre“ schon in diese Richtung wirkt.

Aus- und Fortbildung von Lehrern
Eine effektive Berufsorientierung in Schulen setzt auch kompetente Vermittler voraus. Dass ein Lehrer neben seinem fachlichen Engagement auf dem neuesten Stand der Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten ist, Grundzüge zukünftiger Entwicklungen der Arbeitswelt kennt und über verschiedenste Berufe detailliert Auskunft geben kann, wäre eine Idealvorstellung, die von der Realität weit entfernt ist. Dennoch kann dieses Ideal als Ansatz für die Qualifizierung von Lehrern dienen. Lehrer sollten dabei zunächst wissen, wo sie welche Informationen zum Thema finden, wer Ansprechpartner oder Referent zu speziellen Themen sein kann und auch bereit ist, den Schülern Auskunft zu erteilen, um Informationsdefizite über neue Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten abzubauen.

Wirtschaft als Schulpartner
Eine erfolgreiche Berufsorientierung beinhaltet immer, auch mit Blick auf kompetente Vermittler aus der Arbeitswelt, enge Kooperationen zwischen Schule und Arbeitswelt. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für nachhaltige Berufsorientierung sind Realbegegnungen, denn nur so lässt sich ein authentisches und für die Schüler häufig motivierendes Bild vermitteln. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Angefangen von Betriebserkundungen über Besuche von „Praktikern“, Experten und Azubis im Unterricht bis hin zu Projektwochen, Infoveranstaltungen z. B. zu Berufsfeldern etc.

Von der engen Kooperation mit Schulen profitieren Betriebe und andere Organisationen unmittelbar: Einerseits wissen Schüler, die sich später dort um einen Ausbildungsplatz bewerben relativ genau, was sie erwartet und sind daher motiviert, diese Ausbildung auch abzuschließen. Andererseits bestehen gute Chancen, dass der Betrieb den potenziellen Azubi bereits kennt. Eine bestehende Bindung an eine Schule wirkt sich dauerhaft positiv auf die Abbrecherquote bei Ausbildungsverhältnissen aus.

Das Projekt Berufswahl-SIEGEL
Eine Möglichkeit für Schulen, ihr Konzept einem „Check“ zu unterwerfen, bietet das Konzept des Berufswahl-SIEGEL der Bertelsmann Stiftung. Es handelt sich dabei um ein Zertifikat für Schulen, die ihre Schüler in vorbildlicher Weise auf die Berufswahl und die Arbeitswelt vorbereiten. Es berücksichtigt unterschiedliche Aspekte der Berufsorientierung an Schulen und will durch bessere Handlungsorientierung im Unterricht die Handlungskompetenz der Schüler steigern sowie die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft durch Realbegegnungen und Lernortwechsel verbessern.

Die Zertifizierung erfolgt dabei in drei Schritten:

  1. Die Bewerbung bietet Schulen zunächst die Möglichkeit einer Bestandsaufnahme der eigenen Aktivitäten und der Erstellung eines Schulkonzepts zur Berufsorientierung, sofern dieses noch nicht geschehen war. So wird regionale Transparenz über bestehende Angebote geschaffen und Vergleiche zwischen Schulen möglich, gute Beispiele werden bekannt, sprechen sich herum und tragen so zu einer besseren Berufsorientierung bei.
  2. Die Projektjury, die sich aus Lehrern, Eltern, Schülern, Unternehmensvertretern, Verbandsvertretern, Vertretern des Arbeitsamt und der Schulaufsicht zusammensetzt, bewertet in einem zweiten Schritt nach Qualitätskriterien das Berufsorientierungs-Konzept der Schulen. Die von der Jury definierten Kriterien umfassen dabei auch die zuvor benannten Kernelemente einer modernen Berufsorientierung und können von jeder Jury dem regionalen Bedarf angepasst werden. Sie helfen, eine qualitativ hochwertige Beruforientierung sicherzustellen und bieten Schulen in diesem Bereich Orientierungsmöglichkeiten.
  3. Im Rahmen des Vor Ort Audits, das als dritter Schritt Gespräche mit Schülern und Lehrern beinhaltet, werden die Angaben überprüft und es wird festgestellt, „was bei den Schülern ankommt“. Bei erfolgreich verlaufendem Prozess wird im Anschluss daran im Rahmen einer öffentlichkeitswirksamen Veranstaltung das Siegel verliehen. Das Konzept wird bereits in verschiedenen Regionen und Ländern erfolgreich genutzt, ist auch für neue Partner nicht zu aufwendig zu organisieren und auf regionale Besonderheiten anpassbar. Zusätzlich hat die Bertelsmann Stiftung 2005 das „Netzwerk Berufswahl-SIEGEL“ ins Leben gerufen, um den Erfahrungsaustausch zwischen den Regionen und die Erarbeitung gemeinsamer Leitlinien und Standards zu ermöglichen.

Fazit
Berufsorientierung ist eine Orientierung auf die Berufs-, Arbeits- und Wirtschaftswelt. Daraus folgt die Verantwortung der Schule als Ganzes, die sich in einem Schulprofil und einer pädagogischen Philosophie niederschlagen und identifizierbare unterrichtliche Bezugspunkte haben muss. Berufsorientierung benötigt aber ein Ankerfach, das dann für die anderen Fächer eine Art „Leitfunktion“ über­nehmen kann.

Die Berufsorientierung sollte im Kern folgende Aufgaben erfüllen:

  • Bereitschaft, sich auf Berufswahlfragen einzulassen, fördern
  • berufswahlbedeutsame persönliche Eigenschaften und Selbstwahrnehmung stärken
  • Entscheidungsverhalten und Handlungskompetenz stärken
  • Kenntnisse über die Arbeits-, Berufs- und Wirtschaftswelt vermitteln
  • Techniken der Informationsverarbeitung (Sammeln, Selektieren, Aufbereitung) vermitteln
  • Wahrnehmung und Bewertung von Alternativen schärfen

Abschließend ist festzuhalten, dass Berufsorientierung eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft ist, die nur in Zusammenarbeit erfolgreich erfüllt werden kann. Die konsequente Öffnung von Schule ist für diese Aufgabe unverzichtbar. Daher ist das zunehmende Engagement Dritter, insbesondere der Wirtschaft, besonders zu begrüßen, hat sich aber auch an die besonderen Bedingungen von Schule anzupassen.