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Existenz­grün­dung – ein Thema für die Berufs­beratung Dorothea Engelmann, Bundes­agentur für Arbeit, im Interview

Die Berufliche Orientierung in der Schule sollte auch die Möglichkeit einer späteren Selbstständigkeit und Gründung einschließen. Startups sind bei jungen Menschen angesagt. Damit befasst sich der bundesweite Netzwerktag am 29. September 2020. Im Vorfeld haben wir über das Thema mit Dorothea Engelmann gesprochen, Zentrale der Bundesagentur für Arbeit. Auch in Sachen „Existenzgründung“ informiert und unterstützt die Berufsberatung der Arbeitsagentur junge Menschen gerne!

Dorothea Engelmann
Bundesagentur für Arbeit

1. Frau Engelmann, Sie von der Bundesagentur für Arbeit sind Expertin für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Wie unterscheidet sich die Situation heute im Vergleich zu der Zeit als Sie vor Ihrer Berufswahl standen?

Die Situation heute ist geprägt von einer Vielzahl von Möglichkeiten, die den jungen Menschen offenstehen. Das fängt bei den Aus­bildungs­möglich­keiten in etwa 325 dualen und rund 75 schulischen Ausbildungs­­berufen an, geht über ca. 10.000 grundständige Studiengänge bis zu dem nahezu unüberschaubaren Angebot an beruflichen Weiter­bildungs­möglichkeiten. Darüber hinaus hat die Durchlässigkeit in der Arbeitswelt stark zugenommen und die Aufstiegs­möglich­keiten in vielen Branchen und Betrieben sind gut. Auch viele Reglementierungen in der Beruflichen Bildung wurden gelockert. Man denke nur beispielsweise an die Aufhebung des Meisterzwangs für die Eröffnung eines Friseurgeschäfts.

Diese Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten und der späteren Weiter­entwicklungs­wege ist zwar sehr positiv, bringt aber auch die Last der „richtigen“ Wahl bzw. Entscheidung mit sich. Informations­­angebote über die unterschiedlichen Berufe, Studiengänge und Weiterbildungen gibt es in großer Fülle. Sich da durchzuarbeiten, bedeutet Arbeit und führt schon mal zum „Information Overkill“.

Ich hätte mir damals gewünscht, ein gutes, wissenschaftlich fundiertes Testverfahren zu haben, mit dem ich meine Fähigkeiten, meine Interessen, auch meine sozialen Kompetenzen und berufliche Vorlieben fundiert hätte reflektieren können und dann auch Vorschläge zu passenden Ausbildungen oder Studiengängen bekommen hätte. Das bietet heute „Check-U“ als Online-Tool zur individuellen Beruflichen Orientierung der Bundesagentur für Arbeit.

Und ich empfehle immer, sich mit den Lehrkräften, den Eltern und vor allem dem Berufsberater / der Berufsberaterin der Agentur für Arbeit, der / die die Schule betreut, zu beraten. Rechtzeitig ins Gespräch kommen, in kleinen Schritten vorgehen, erneut überlegen und sich mit den Experten und Freunden dazu austauschen, in sich selbst hineinhorchen – was mache ich gern, was fällt mir leicht –, in die Praxis hineinschnuppern und erneut abwägen: so kann die Entscheidung gelingen und eine geeignete Ausbildung oder ein geeigneter Studienplatz mit passenden Entwicklungs­perspektiven – auch als Start-up – gefunden werden.

Denn eines gilt für die Zeit meiner Berufswahl wie für heute: Eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium sind die beste Garantie für einen gelingenden Einstieg in das Arbeitsleben, und das kann auch – gleich oder später – eine erfolgreiche Selbstständigkeit sein.

 

2. Was würden Sie Schülerinnen und Schülern, die sich mit dem Gedanken einer Gründung befassen, mit auf den Weg geben?

Ich komme aus einem Handwerksbetrieb. Daher kenne ich die Rahmenbedingungen von Selbstständigkeit sehr gut. Es ist sehr erfüllend, wenn man selbstständig bestimmen kann, wie und mit wem man arbeitet, wie der Arbeitsplatz gestaltet ist und welche Produkte man anbieten will. Sehr viele Selbstständige sagen ja auch, dass sie sich eine abhängige Beschäftigung gar nicht vorstellen können. Diese Selbstbestimmung kann aber auch sehr belastend werden: Die Verantwortung für den Erfolg eines Unternehmens und dessen wirtschaftliche Führung liegt komplett auf den eigenen Schultern. Dabei geht es vielleicht nicht nur um die eigene Person, sondern auch das wirtschaftliche Auskommen der Familie und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit die Geschäftsidee zum Erfolg wird, wird es oft notwendig sein, mehr als die üblichen Wochenstunden zu arbeiten und auch die Wochenenden sind davon nicht ausgenommen.

Auf jeden Fall muss man sich vorweg intensiv mit der eigenen Produktidee oder der möglichen Dienstleistung befassen: wie ist der Markt, wer sind potenzielle Kundinnen und Kunden, welche ähnlichen Produkte oder Dienstleistungen gibt es schon, was darf mein Angebot kosten, um nur die wichtigsten Fragen anzusprechen.

Geht das Konzept auf, kann man für diesen Einsatz Einiges zurückbekommen: vielfältige und verantwortungsvolle Aufgabenstellungen, Gestaltungsmöglichkei­ten, Möglichkeit zur Personalführung und nicht zuletzt die Chance, gutes Geld zu verdienen.

 

3. Gibt es Unterstützungsangebote der Bundesagentur für Arbeit, die hier greifen können?

Der Einstieg in eine selbstständige Tätigkeit nach einer Ausbildung oder einem Studium kann seitens der Bundesagentur für Arbeit unter bestimmten Voraussetzungen gefördert werden. Wenn aus der Konzeptidee ein ausgefeilter „Businessplan“ entstanden ist, erfragt man am besten bei seiner örtlichen Agentur für Arbeit, wie sich die aktuelle Fördersitua­tion darstellt. Auf www.arbeitsagentur.de kann man sich zudem stets aktuell über das Thema „Existenzgründung und Gründungszuschuss“ informieren.

Ich wünsche allen jungen Menschen, die diesen Weg einschlagen wollen, gute kreative Ideen, Vertrauen in sich und andere, Einsatzbereitschaft und Durchhaltevermögen!

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