skip to Main Content

Ist YouTube die bessere Schule?

netzwerk-berufswahlsiegel-blog-youtube-mathe-pixabay

Lernvideos auf YouTube sind bei den Schülerinnen und Schülern extrem beliebt. Wer mit den Hausaufgaben in Mathematik nicht klarkommt oder für die nächste Klassenarbeit Regeln auffrischen muss, schaut inzwischen erst einmal bei YouTube nach.

„Mathe by Daniel Jung“ und „lehrerschmidt“ haben Hunderttausende Follower. YouTube ist ein riesiges Nachschlagewerk geworden, in dem gesucht und gefunden wird; verständliche, ansprechende und abwechslungsreiche Clips machen das Rennen. Sascha Lobo, der unverwechselbare Netz-Autor mit dem Hahnenkamm im pinken Punk-Stil, hat daher jetzt gefordert, die Wissensvermittlung doch am besten gleich komplett YouTube zu überlassen. Die Schule ist dennoch seiner Meinung nach keineswegs überflüssig, sondern solle sich auf die Erziehung konzentrieren – denn diese sei bitter notwendig. Es bestehe ein Erziehungsversagen oder zumindest ein Erziehungsvakuum in Teilen der Gesellschaft: „Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, sind schon mitten drin, in der die schulische Erziehungsleistung wichtiger wird, um ein gemeinsames zivilisatorisches Wertefundament herzustellen“.

Die Schülerinnen und Schüler der „Fridays for future“ haben sich ihr sehr fundiertes Wissen über YouTube geholt, definitiv nicht über die Schule, meint Lobo – das Internet als „mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine“. Folgerung: „Während also die Schule der Zukunft stärker Erziehung in den Fokus nehmen muss, um Integrationsleistungen aller Art zu erbringen, ist ein Teil der Aufgaben aus ihrer Verantwortung herausdiffundiert – durch die Lernenden selbst“.

Richtig ist sicherlich, dass die Erziehungsaufgabe der Schule immer stärker herausgefordert wird. Die Heterogenität in den Lerngruppen hat zugenommen und das angemessene Miteinander muss in der Regel erst vermittelt werden. Aber dass die Wissensvermittlung komplett an YouTube abgegeben werden könnte, ist sehr voreilig. Zum einen muss der Umgang mit den Angeboten des Internet auch erst einmal gelernt werden. Eben den – kritischen – Umgang mit den Medien wird die Schule heute vermitteln müssen, in diesem Sinne haben sich Schulpolitik und Schulen ja auch bereits aufgemacht. Zum anderen werden die Lernvideos auch kritisiert, weil sie Bulimie-Lernen fördern – teaching to the test –, also schnelle Tipps für die nächste Klausur geben, aber kein nachhaltiges Wissen im Sinne eines sich systematisch aufbauenden Curriculums mitgeben (können). Zum dritten ist und bleibt die Schule in staatlicher Verantwortung die einzige objektive Bildungseinrichtung, die auf wissenschaftlicher Basis beruht und durch die demokratischen Institutionen in einem Prozess legitimiert ist. Und viertens haben Schulen weitere Aufgaben wie Beraten, Begleiten, Bewerten und nicht zu vergessen den Übergang in den Beruf zu gestalten. Eine andere und berechtigte Frage ist es, ob sich der Mathe-Unterricht nicht das eine oder andere vom Video-Kanal abschauen kann, um die Didaktik zu bereichern – da sollte mehr gehen!

> Hier gehts zur Kolumne.

netzwerk-berufswahlsiegel-sascha-lobo

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, arbeitet als Autor und Vortragsredner. Er hat mehrere Bücher über die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verfasst und schreibt seit 2011 eine wöchentliche Kolumne bei Spiegel Online. Ab und zu empört er sich in Talkshows, macht Digitalprojekte oder dreht Filme für das ZDF.

(Text und Fotos: https://saschalobo.com/)

Back To Top