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Jugendliche haben heute viele Möglichkeiten – zu viele?

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Berufsorientierung gegen Optionsstress

Beim Übergang von der Schule in den Beruf haben junge Menschen heute eine breite Palette an Möglichkeiten, denn die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind so gut wie lange nicht, auch wenn es regionale Unterschiede gibt. Die Jugendarbeitslosenquote ist auf dem Tiefstand. Der Beruf hat für Jugendliche eine zunehmende Bedeutung, auch die Familie gewinnt – die Ansprüche der Jugendlichen an ihre Selbstverwirklichung sind damit gestiegen. So macht es eine aktuelle Untersuchung am Deutschen Jugendinstitut (dji) im Forschungsschwerpunkt „Übergänge im Jugendalter“ deutlich.

Im Berufswahlprozesses sehen die jungen Menschen viele mögliche Anschlussoptionen, Ausbildungsmöglichkeiten, Studienrichtungen, Freiwilligendienste, auch den vielfach unübersichtlichen „Übergangsbereich“. Welche persönlichen, teils weitreichenden Konsequenzen damit aber jeweils genau verbunden sind, ist für sie immer schwieriger einzuschätzen. Der Fachkräftebedarf zum Beispiel ist für sie nicht erkennbar. Dabei besteht Zeitdruck – sie müssen sich zwischen komplexen Optionen entscheiden und geraten angesichts der Vielfalt an unwägbaren Möglichkeiten in einen „Optionsstress“. Dies gilt zumal für Hauptschulabgänger/innen, bei denen sich inzwischen die Hälfte Sorgen um die eigene Zukunft macht. Sie haben weniger Sorge, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, sondern was Ausbildung und Arbeit für sie bedeuten und mit sich bringen werden. „Der Wandel der Anforderungen am Übergang besteht also darin, dass sich Jugendliche heute zwar weniger um eine Platzierung auf dem Ausbildungs- und Erwerbsmarkt sorgen, dafür aber in weit stärkerem Maße mit der Komplexität von Entscheidungen und berufsbiografischen Unsicherheiten umgehen müssen“, stellen Frank Tillmann und Birgit Reißig, Autoren der Studie am DJI, anhand der Befragungen fest.

  • Dies hat Konsequenzen für die Akteure in der Berufsberatung wie die Lehrkräfte und die Berufsberaterinnen und Berufsberater der Arbeitsagenturen. Während die Jugendlichen eher nach Zielen wie Selbstverwirklichung, Sinnstiftung oder materielle Sicherheit fragen, schauen die Beratungen eher nach der Passung und Effektivität. Wird die Motivation der jungen Leute nicht richtig wahrgenommen und abgeholt? Sie ist die Ausgangsbasis für Interesse, Durchhaltevermögen und Anstrengungsbereitschaft. Die Beratung setze oft Motivation, auch Selbstwertgefühl und Selbstorganisation bei den Jugendlichen als selbstverständlich gegeben voraus, kritisieren die Wissenschaftler. Insbesondere benachteiligte Jugendliche – mit vielfachen Misserfolgen und Zurückweisungen in Schule, Peergroup und Familie – empfinden den institutionellen Unterstützungsprozess daher oft als fremdbestimmt und werden erst recht nicht erreicht.
  • Daher plädiert das Forscherteam für ein Unterstützungssystem, das von standardisierten Angeboten abrückt und ganz an den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen ansetzt. Sie plädieren für mehr Gespräche und weniger standardisiertes Profiling. Am wichtigsten sei es, die Komplexität an schulischen und nachschulischen Optionen beziehungsweise Angeboten für die Jugendlichen herunterzufahren. Zum Beispiel indem man mit Informationen über regionale Ausbildungsangebote und künftige Fachkräftebedarfe vor Ort anfängt und die lokalen Möglichkeiten transparent macht.
  • Fazit: Auch in Zeiten eines sehr guten Angebots an Ausbildungsplätzen wird die Berufliche Orientierung in der Schule keineswegs überflüssig, sondern braucht es gerade eine gute, systematische und stärkenorientierte Berufliche Orientierung. Dafür bietet das Berufswahl-SIEGEL eine hervorragende Grundlage.


überaus – Fachstelle Übergänge in Ausbildung und Beruf
DJI – Deutsches Jugendinstitut

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