Wie gelingt Berufliche Orientierung…
KI und Berufseinstieg: Herausforderungen und Chancen
Ist der Berufseinstieg schwieriger geworden? Wird Künstliche Intelligenz (KI) Berufe überflüssig machen? Was heißt das für die Berufliche Orientierung in Schule und Berufsberatung? Diese aktuellen Fragen waren Thema einer spannenden Digital Insights Lounge am 11. Juni 2026.
KI verändert den Arbeitsmarkt – aber nicht die Chancen junger Menschen
Cliff Zofall, Top-Experte bei der Bundesagentur für Arbeit für das Thema Berufseinstieg, gab zunächst Entwarnung: Zwar verändert Künstliche Intelligenz (KI) den Arbeitsmarkt derzeit tiefgreifend, ist aber nicht die einzige Einflussgröße. Entscheidend sei es, dass Jugendliche anpassungsfähig, urteilsfähig und handlungsfähig sind.
Ein Berufsabschluss bleibe nach wie vor das beste Mittel gegen Arbeitslosigkeit und stärke junge Menschen im Umgang mit Unsicherheiten. Wer eine Ausbildung durchlaufe, zeige Durchhaltevermögen und verfüge über zahlreiche Kompetenzen, die im Berufsleben helfen. Die größten Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt hätten nach wie vor Ungelernte ohne Abschluss – sie machen zwei Drittel der Arbeitslosen aus. Jede vollqualifizierende Ausbildung sei daher ein guter Einstieg ins Berufsleben – und keine endgültige Entscheidung: Weiterentwicklungen seien jederzeit möglich.
KI werde Berufe nicht ersetzen, sondern verändern – und zwar jeden Beruf. Die Aufgaben werden komplexer, deshalb gewinne Schlüsselkompetenzen an Bedeutung. Besonders gefragt seien menschliche Kompetenzen, die in ihrer Art unersetzbar sind wie Urteilskraft, Teamarbeit und Konsensfähigkeit. In Bereichen wie Handwerk oder Pflege werde KI zwar ebenfalls Einzug halten, jedoch nur einen kleinen Teil der Tätigkeiten betreffen.
Zofall betonte, dass die persönliche Berufsberatung auch künftig unersetzbar bleibe. Berufsberaterinnen und -berater stellen die richtigen Fragen und helfen Jugendlichen, eine Richtung zu finden. Erst danach könne KI unterstützend eingesetzt werden. Praxiserfahrungen bleiben entscheidend und geben oft sogar den Ausschlag für die Berufswahl. Auch Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen dürften nicht vergessen werden. Für sie stellt KI eine zusätzliche Herausforderung dar.



Siemens: Ein grundlegender Wandel und neue Chancen
Bettina Weckesser, Global Head of Siemens Professional Education, sprach von einem grundlegenden „Shift“. Der Innovationszyklus verlaufe rasant – waren es früher 2-3 Jahre, sind es nun 2-3 Monate –, und KI sei eine Technologie, die nahezu alle Bereiche durchdringe. KI ist omnipräsent, und dies auch schon in jedem Ausbildungsgang. KI müsse als Werkzeug betrachtet werden, das Arbeit verändert, aber nicht ersetzt. Zentral sei die Frage, welche Fähigkeiten künftig benötigt werden.
Bei den Siemens-Auswahltagen für den Nachwuchs werden mehr denn je auch Schlüsselkompetenzen getestet: Was machen die Jugendlichen bei einem zu lösenden Problem, wie gehen sie vor, wie arbeiten sie zusammen? In der Ausbildung spielten Themen wie Data Analytics und der „Digital Twin“ eine große Rolle. Ein „digitaler roter Faden“ ziehe sich durch die Lernplattformen und Inhalte. Dennoch werde der menschliche Ausbilder keineswegs ersetzt, im Gegenteil, er bleibe besonders für die Lernschwächeren unverzichtbar. Auch wenn einfache Tätigkeiten teilweise wegfallen, bleiben dennoch weiterhin Chancen für Jugendliche auf unterschiedlichen Niveaus bestehen.
Beim Schulzeugnis schaut man durchaus auf Noten, nämlich in Deutsch und Mathematik. Basiskompetenzen in diesen Kernfächern sind fundamental. Zum Ausbildungsstart leistet Siemens hier öfters Nachhilfe, denn das Niveau der Schulleistungen ist gesunken, so Bettina Weckesser. Mit Lernplattformen wie „SIEYA@school“ stellt Siemens selbst Materialien für Schulen und „Learning Nuggets“ aus der Ausbildung bereit, die auch im schulischen Kontext gut genutzt werden können. Berufliche Orientierung bleibe von höchster Relevanz, zumal angesichts der großen Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten.
Infineon: Technikaffinität und Lernbereitschaft
Heiko Schöfer, Director Education Network Infineon Technologies, wies darauf hin, dass KI für Jugendliche im Alltag bereits omnipräsent ist. Letztlich sind wir alle Lernende in Sachen KI und müssen schauen, wie wir sie für uns nutzen. Allerdings meinten manche jungen Leute bei der Bewerbung schon, schlechte Noten in Mathematik oder Physik spielten gar keine Rolle mehr, weil die KI alles regeln werde – so ist es nicht, Fachwissen bleibt gefragt. Nur mit Wissen ist die Einordnung in Zusammenhänge möglich und erschließt sich die Bedeutung.
Wichtig sei, dass Jugendliche ein Gefühl für Technik und Technologien entwickeln. Und wichtiger als perfektes Vorwissen sei die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, das heute mehr denn je gefordert sei. Im Prozess der Berufsorientierung kann KI schon genutzt und erprobt werden. Auch in der Ausbildung spiele KI zunehmend eine Rolle. Dabei geht es vor zunächst um eine Sensibilisierung, um Hands-on-Themen und Verantwortung.
Für die Berufsorientierung und den Berufseinstieg seien das Interesse und die Motivation der jungen Menschen entscheidend. Die Rahmenbedingungen seien schwieriger geworden, eine Bewerbung inzwischen kein Selbstläufer mehr. Lernbereite junge Menschen seien aber immer sehr begehrt.
Microsoft Deutschland: Neue Lernformen im Fokus
Astrid Aupperle, AI National Skills Director Microsoft Deutschland, hob die Dynamik der Entwicklung in der KI hervor – nichts werde mehr ohne KI gehen. Ein Grundverständnis für Daten und die Funktionsweise von KI sei wichtig, aber auch Metakompetenzen seien absolut gefragt. (Soft) Skills wie Empathie, Kommunikation, Werteorientierung, Umgang miteinander rückten in den Fokus ebenso wie Kreativität oder auch Problembewusstsein.
In der Schule biete die KI große Chancen für ein individualisiertes Lernen: Damit könnten Schülerinnen und Schüler viel stärker auf ihrem jeweiligen Niveau gezielt gefördert werden. Lehrkräfte werden zunehmend eine Rolle als Coaches einnehmen. Die Bedeutung von Basiskompetenzen, insbesondere in der Grundschule, sei wichtig. Darüber hinaus sei das Thema KI auch mit Blick auf Fake News und Demokratiebildung von großer Bedeutung und müsse in der Schule stärker berücksichtigt werden. Kritisches Denken gegenüber der KI sei auch gefragt – nicht zuletzt um die stets freundliche KI nicht mit einem echten Lebenspartner zu verwechseln.
Gemeinsames Fazit: Mensch + Maschine im Miteinander
In der Diskussion zeigte sich eine große Einigkeit: KI wird weiter an Bedeutung gewinnen und alle Bereiche der Arbeitswelt beeinflussen. Gleichzeitig bleiben menschliche Kompetenzen unverzichtbar. Fähigkeiten wie Urteilskraft, soziale Kompetenz und Anpassungsfähigkeit werden erheblich weiter an Bedeutung gewinnen. Basiskompetenzen und Fachwissen bleiben als Grundlagen weiterhin gefragt.
Auch einfache Tätigkeiten werden nicht vollständig verschwinden, und selbst Jugendliche, die sich mit KI schwertun, werden weiterhin Chancen haben. Entscheidend ist, dass junge Menschen Orientierung, Unterstützung und praxisnahe Erfahrungen erhalten – denn sie werden auch in Zukunft dringend gebraucht!



