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Zwischen Fachwissen und Future Skills

Netzwerk Berufswahlsiegel Beitragsbild für das Interview mit Heiko Schöfer (Infineon)

Interview mit Heiko Schöfer,
Director Education Network, Infineon Technologies

Welche grundlegenden Eigenschaften erwarten Sie heute von Bewerberinnen und Bewerbern für eine Ausbildung oder ein duales Studium? Was sollte Schule aus Unternehmenssicht besonders fördern?

„Wir beobachten eine deutliche Verschiebung: Fachliche und methodische Kompetenzen bleiben natürlich wichtig, gerade in einem technischen Unternehmen wie Infineon. Aber immer stärker rücken persönliche und soziale Kompetenzen in den Mittelpunkt. Dazu gehören Selbstreflexion, Lernbereitschaft und Zuverlässigkeit, aber auch Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.

Mathematik, Physik und fachliches Grundwissen werden dadurch keineswegs unwichtig. Der Trend geht aber klar dahin, dass junge Menschen neben fachlichem Wissen vor allem die Fähigkeit mitbringen sollten, sich weiterzuentwickeln, Verantwortung zu übernehmen und gut mit anderen zusammenzuarbeiten.“

Bringen Bewerberinnen und Bewerber diese Kompetenzen aus Ihrer Sicht bereits ausreichend mit?

„Das ist sehr individuell. In Vorstellungsgesprächen merken wir oft, wie stark junge Menschen durch ihr familiäres und soziales Umfeld geprägt sind. Schule bereitet auf diese Anforderungen zunehmend vor, aber aus meiner Sicht ist da durchaus noch Entwicklungspotenzial. Gerade Kompetenzen wie Reflexionsfähigkeit, Kommunikation oder die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen, könnten noch stärker gefördert werden.“

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt stark. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Anforderungen an junge Menschen aus?

„Aus meiner Sicht beschleunigen diese Technologien genau den Trend, den ich gerade beschrieben habe. Nehmen wir das Beispiel Künstliche Intelligenz: Informationen sind heute sehr schnell verfügbar. Fachwissen lässt sich in vielen Fällen deutlich schneller abrufen als früher. Dadurch verliert reines Faktenwissen ein Stück weit an Bedeutung.

Umso wichtiger wird aber die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch einzuordnen: Stimmen die Informationen? Passen sie in den jeweiligen Kontext? Wie kann ich sie sinnvoll nutzen? Kritisches Denken, Selbstreflexion und die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, werden deshalb immer wichtiger.

Gleichzeitig bleiben technische Grundkompetenzen wichtig. Junge Menschen sollten wissen, wie sie digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzen — ob es um den Umgang mit einem Laptop, mit Microsoft Teams oder mit anderen Anwendungen geht. Aber das Entscheidende ist nicht nur die Bedienung eines Tools, sondern der reflektierte Umgang damit.“

Wie erleben Sie junge Menschen heute im Umgang mit digitalen Technologien?

„Viele bringen im Umgang mit digitalen Tools und digitalen Umgebungen bereits viel mit. Das liegt sicher auch daran, dass sie als sogenannte Digital Natives aufgewachsen sind. Gerade bei den technischen Profilen, die wir bei Infineon ansprechen, ist häufig eine hohe Affinität vorhanden.

Sorgen bereiten uns eher manchmal die Grundlagen: mathematische und physikalische Zusammenhänge, Dreisatz, grundlegendes naturwissenschaftliches Verständnis. Diese Basiskompetenzen sind nach wie vor sehr wichtig, besonders in technischen Ausbildungs- und Studiengängen.“

Wie gut kann Schule junge Menschen auf diese dynamischen Veränderungen vorbereiten?

„Ich möchte es mir da nicht zu einfach machen und die Verantwortung allein an die Schule weitergeben. Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist enorm — gerade beim Thema Künstliche Intelligenz. Für Schulen ist es eine große Herausforderung, mit dieser Dynamik Schritt zu halten: organisatorisch, inhaltlich und auch personell.

Lehrkräfte und Schulleitungen arbeiten in Strukturen, die über viele Jahre gewachsen sind. Diese Strukturen auf eine Welt auszurichten, in der sich Technologien und Anforderungen so schnell verändern, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Deshalb wäre es aus meiner Sicht vermessen zu sagen, junge Menschen sollten perfekt vorbereitet sein. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Unternehmen Schulen unterstützen und Brücken bauen — nicht nur Erwartungen formulieren, sondern aktiv mitwirken.“

Welche Rolle spielen Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft dabei?

„Eine sehr wichtige. Viele Schülerinnen und Schüler engagieren sich stärker in Fächern wie Mathematik, Physik oder Chemie, wenn sie verstehen, wofür sie dieses Wissen später brauchen können. Genau hier können Unternehmen helfen: Sie können zeigen, welche konkreten Anwendungen es gibt und welche beruflichen Perspektiven sich daraus ergeben.

Infineon engagiert sich deshalb auf unterschiedliche Weise. Ein Beispiel ist das Projekt „Lehrerinnen und Lehrer in der Wirtschaft“, das im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen

Wirtschaft (vbw) unter Beteiligung von SCHULEWIRTSCHAFT Bayern durchgeführt wird. Dabei kommt eine Lehrkraft für ein Jahr zu uns ins Unternehmen. Ziel ist es, Einblicke in die Praxis zu ermöglichen, die anschließend wieder in die Schule zurückgetragen werden können.“

„Ein weiteres Beispiel sind Forscherinnen- und Halbleitercamps für Schülerinnen und Schüler. Dort lernen junge Menschen eine Woche lang die Halbleiterindustrie kennen und bekommen konkrete Einblicke in technische Zusammenhänge.

Außerdem beteiligen wir uns an Formaten wie Digital Insights. Dabei geht es zum Beispiel darum, Lehrkräfte oder Berufsberaterinnen und Berufsberater mit einem Unternehmensblick auf Themen wie Künstliche Intelligenz vertraut zu machen. Solche Angebote helfen, aktuelle Entwicklungen besser einzuordnen und in Schule und Berufsorientierung aufzugreifen.“

Was macht eine Bewerbung bei Infineon überzeugend?

„Natürlich schauen wir zunächst auf die klassischen Grundlagen: Zeugnisse, insbesondere in Mathematik, Physik und den naturwissenschaftlichen Fächern. Aber das ist nur ein Teil des Bildes. Wir achten auch darauf, was junge Menschen außerhalb der Schule mitbringen: gesellschaftliches Engagement, Projekte, Schülerpraktika, etwa im technischen Bereich — oder andere Erfahrungen, die zeigen, dass sich jemand wirklich mit einem Berufsfeld auseinandergesetzt hat.

Im weiteren Auswahlprozess ist dann das persönliche Gespräch sehr wichtig. Bewerberinnen und Bewerber bereiten häufig eine kurze Selbstpräsentation vor und legen ihre Motivation dar. Am Ende zählt stark der persönliche Eindruck: Passt die Motivation? Gibt es ein gegenseitiges Verständnis? Können sich beide Seiten vorstellen, diesen Weg gemeinsam zu gehen?“

Wie viele Auszubildende und dual Studierende beschäftigt Infineon in Deutschland?

„In Deutschland haben wir insgesamt rund 650 Auszubildende und dual Studierende. Ein Schwerpunkt liegt aktuell in Dresden, wo Infineon in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Dadurch haben wir eine große und sehr relevante Gruppe junger Menschen, mit der wir arbeiten und aus der wir viele Erfahrungen ableiten können.“

Welchen zentralen Rat würden Sie Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften mitgeben, um sich gut auf die Arbeitswelt von heute und morgen vorzubereiten?

„Der wichtigste Begriff ist für mich lebenslanges Lernen. Das klingt vielleicht etwas abgedroschen, ist aber zentral. Es geht um Neugier, Offenheit gegenüber neuen Technologien und Entwicklungen, verbunden mit einem konstruktiv-kritischen Blick. Jede Veränderung bringt Chancen mit sich, aber auch Aspekte, die man hinterfragen muss.

Mein Rat wäre daher: Bleiben Sie lernbereit, neugierig und selbstreflektiert. Und richten Sie den Blick weiterhin auf fundiertes Fachwissen, um beispielsweise KI-generierte Inhalte kritisch hinterfragen zu können. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die bisher vielleicht weniger im Fokus standen — etwa Kommunikation, Selbstreflexion, Lernfähigkeit und der Umgang mit Veränderung — werden in Zukunft gleichzeitig noch wichtiger.“

Gibt es etwas, das Sie speziell Gymnasien mitgeben möchten?

„Bei Bewerberinnen und Bewerbern vom Gymnasium erleben wir häufig, dass sie aufgrund ihres Alters und ihrer Schulerfahrung schon eine gewisse Reife mitbringen. Gleichzeitig würde ich Gymnasien ermutigen, Berufsorientierung und Praxisbezug noch stärker mitzudenken.

Historisch war der Weg oft klar: Wer das Abitur macht, studiert anschließend. Aber der Blick sollte heute breiter sein. Das duale Berufsbildungssystem und duale Studiengänge bieten sehr attraktive Möglichkeiten — gerade weil Praxisorientierung immer wichtiger wird. Ein Studium ist nicht automatisch ein Selbstläufer, wenn es später um den Berufseinstieg geht. Deshalb ist es wichtig, jungen Menschen unterschiedliche Wege zu zeigen und ihnen frühzeitig Einblicke in die Praxis zu ermöglichen.

Ich nehme wahr, dass sich Gymnasien hier bereits öffnen. Wie stark das gelingt, hängt aber natürlich auch von den Menschen vor Ort ab.“

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