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Zwischen Fachwissen und Future Skills

Netzwerk Berufswahlsiegel Beitragsbild für das Interview mit Heiko Schöfer (Infineon)

Interview mit Heiko Schöfer,
Director Education Network, Infineon Technologies

Welche grundlegenden Eigenschaften erwarten Sie heute von Bewerberinnen und Bewerbern für eine Ausbildung oder ein duales Studium? Was sollte Schule aus Unternehmenssicht besonders fördern?

„Wir beobachten eine deutliche Verschiebung: Fachliche und methodische Kompetenzen bleiben natürlich wichtig, gerade in einem technischen Unternehmen wie Infineon. Aber immer stärker rücken persönliche und soziale Kompetenzen in den Mittelpunkt. Dazu gehören Selbstreflexion, Lernbereitschaft und Zuverlässigkeit, aber auch Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.

Mathematik, Physik und fachliches Grundwissen werden dadurch keineswegs unwichtig. Der Trend geht aber klar dahin, dass junge Menschen neben fachlichem Wissen vor allem die Fähigkeit mitbringen sollten, sich weiterzuentwickeln, Verantwortung zu übernehmen und gut mit anderen zusammenzuarbeiten.“

Bringen Bewerberinnen und Bewerber diese Kompetenzen aus Ihrer Sicht bereits ausreichend mit?

„Das ist sehr individuell. In Vorstellungsgesprächen merken wir oft, wie stark junge Menschen durch ihr familiäres und soziales Umfeld geprägt sind. Schule bereitet auf diese Anforderungen zunehmend vor, aber aus meiner Sicht ist da durchaus noch Entwicklungspotenzial. Gerade Kompetenzen wie Reflexionsfähigkeit, Kommunikation oder die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen, könnten noch stärker gefördert werden.“

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt stark. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Anforderungen an junge Menschen aus?

„Aus meiner Sicht beschleunigen diese Technologien genau den Trend, den ich gerade beschrieben habe. Nehmen wir das Beispiel Künstliche Intelligenz: Informationen sind heute sehr schnell verfügbar. Fachwissen lässt sich in vielen Fällen deutlich schneller abrufen als früher. Dadurch verliert reines Faktenwissen ein Stück weit an Bedeutung.

Umso wichtiger wird aber die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch einzuordnen: Stimmen die Informationen? Passen sie in den jeweiligen Kontext? Wie kann ich sie sinnvoll nutzen? Kritisches Denken, Selbstreflexion und die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, werden deshalb immer wichtiger.

Gleichzeitig bleiben technische Grundkompetenzen wichtig. Junge Menschen sollten wissen, wie sie digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzen — ob es um den Umgang mit einem Laptop, mit Microsoft Teams oder mit anderen Anwendungen geht. Aber das Entscheidende ist nicht nur die Bedienung eines Tools, sondern der reflektierte Umgang damit.“

Wie erleben Sie junge Menschen heute im Umgang mit digitalen Technologien?

„Viele bringen im Umgang mit digitalen Tools und digitalen Umgebungen bereits viel mit. Das liegt sicher auch daran, dass sie als sogenannte Digital Natives aufgewachsen sind. Gerade bei den technischen Profilen, die wir bei Infineon ansprechen, ist häufig eine hohe Affinität vorhanden.

Sorgen bereiten uns eher manchmal die Grundlagen: mathematische und physikalische Zusammenhänge, Dreisatz, grundlegendes naturwissenschaftliches Verständnis. Diese Basiskompetenzen sind nach wie vor sehr wichtig, besonders in technischen Ausbildungs- und Studiengängen.“

Wie gut kann Schule junge Menschen auf diese dynamischen Veränderungen vorbereiten?

„Ich möchte es mir da nicht zu einfach machen und die Verantwortung allein an die Schule weitergeben. Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist enorm — gerade beim Thema Künstliche Intelligenz. Für Schulen ist es eine große Herausforderung, mit dieser Dynamik Schritt zu halten: organisatorisch, inhaltlich und auch personell.

Lehrkräfte und Schulleitungen arbeiten in Strukturen, die über viele Jahre gewachsen sind. Diese Strukturen auf eine Welt auszurichten, in der sich Technologien und Anforderungen so schnell verändern, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Deshalb wäre es aus meiner Sicht vermessen zu sagen, junge Menschen sollten perfekt vorbereitet sein. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Unternehmen Schulen unterstützen und Brücken bauen — nicht nur Erwartungen formulieren, sondern aktiv mitwirken.“

Welche Rolle spielen Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft dabei?

„Eine sehr wichtige. Viele Schülerinnen und Schüler engagieren sich stärker in Fächern wie Mathematik, Physik oder Chemie, wenn sie verstehen, wofür sie dieses Wissen später brauchen können. Genau hier können Unternehmen helfen: Sie können zeigen, welche konkreten Anwendungen es gibt und welche beruflichen Perspektiven sich daraus ergeben.

Infineon engagiert sich deshalb auf unterschiedliche Weise. Ein Beispiel ist das Projekt „Lehrerinnen und Lehrer in der Wirtschaft“, das im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen

Wirtschaft (vbw) unter Beteiligung von SCHULEWIRTSCHAFT Bayern durchgeführt wird. Dabei kommt eine Lehrkraft für ein Jahr zu uns ins Unternehmen. Ziel ist es, Einblicke in die Praxis zu ermöglichen, die anschließend wieder in die Schule zurückgetragen werden können.“

„Ein weiteres Beispiel sind Forscherinnen- und Halbleitercamps für Schülerinnen und Schüler. Dort lernen junge Menschen eine Woche lang die Halbleiterindustrie kennen und bekommen konkrete Einblicke in technische Zusammenhänge.

Außerdem beteiligen wir uns an Formaten wie Digital Insights. Dabei geht es zum Beispiel darum, Lehrkräfte oder Berufsberaterinnen und Berufsberater mit einem Unternehmensblick auf Themen wie Künstliche Intelligenz vertraut zu machen. Solche Angebote helfen, aktuelle Entwicklungen besser einzuordnen und in Schule und Berufsorientierung aufzugreifen.“

Was macht eine Bewerbung bei Infineon überzeugend?

„Natürlich schauen wir zunächst auf die klassischen Grundlagen: Zeugnisse, insbesondere in Mathematik, Physik und den naturwissenschaftlichen Fächern. Aber das ist nur ein Teil des Bildes. Wir achten auch darauf, was junge Menschen außerhalb der Schule mitbringen: gesellschaftliches Engagement, Projekte, Schülerpraktika, etwa im technischen Bereich — oder andere Erfahrungen, die zeigen, dass sich jemand wirklich mit einem Berufsfeld auseinandergesetzt hat.

Im weiteren Auswahlprozess ist dann das persönliche Gespräch sehr wichtig. Bewerberinnen und Bewerber bereiten häufig eine kurze Selbstpräsentation vor und legen ihre Motivation dar. Am Ende zählt stark der persönliche Eindruck: Passt die Motivation? Gibt es ein gegenseitiges Verständnis? Können sich beide Seiten vorstellen, diesen Weg gemeinsam zu gehen?“

Wie viele Auszubildende und dual Studierende beschäftigt Infineon in Deutschland?

„In Deutschland haben wir insgesamt rund 650 Auszubildende und dual Studierende. Ein Schwerpunkt liegt aktuell in Dresden, wo Infineon in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Dadurch haben wir eine große und sehr relevante Gruppe junger Menschen, mit der wir arbeiten und aus der wir viele Erfahrungen ableiten können.“

Welchen zentralen Rat würden Sie Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften mitgeben, um sich gut auf die Arbeitswelt von heute und morgen vorzubereiten?

„Der wichtigste Begriff ist für mich lebenslanges Lernen. Das klingt vielleicht etwas abgedroschen, ist aber zentral. Es geht um Neugier, Offenheit gegenüber neuen Technologien und Entwicklungen, verbunden mit einem konstruktiv-kritischen Blick. Jede Veränderung bringt Chancen mit sich, aber auch Aspekte, die man hinterfragen muss.

Mein Rat wäre daher: Bleiben Sie lernbereit, neugierig und selbstreflektiert. Und richten Sie den Blick weiterhin auf fundiertes Fachwissen, um beispielsweise KI-generierte Inhalte kritisch hinterfragen zu können. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die bisher vielleicht weniger im Fokus standen — etwa Kommunikation, Selbstreflexion, Lernfähigkeit und der Umgang mit Veränderung — werden in Zukunft gleichzeitig noch wichtiger.“

Gibt es etwas, das Sie speziell Gymnasien mitgeben möchten?

„Bei Bewerberinnen und Bewerbern vom Gymnasium erleben wir häufig, dass sie aufgrund ihres Alters und ihrer Schulerfahrung schon eine gewisse Reife mitbringen. Gleichzeitig würde ich Gymnasien ermutigen, Berufsorientierung und Praxisbezug noch stärker mitzudenken.

Historisch war der Weg oft klar: Wer das Abitur macht, studiert anschließend. Aber der Blick sollte heute breiter sein. Das duale Berufsbildungssystem und duale Studiengänge bieten sehr attraktive Möglichkeiten — gerade weil Praxisorientierung immer wichtiger wird. Ein Studium ist nicht automatisch ein Selbstläufer, wenn es später um den Berufseinstieg geht. Deshalb ist es wichtig, jungen Menschen unterschiedliche Wege zu zeigen und ihnen frühzeitig Einblicke in die Praxis zu ermöglichen.

Ich nehme wahr, dass sich Gymnasien hier bereits öffnen. Wie stark das gelingt, hängt aber natürlich auch von den Menschen vor Ort ab.“

KI und Berufseinstieg: Herausforderungen und Chancen

Netzwerk Berufswahlsiegel Blog Beitragsbild Insights Lounge KI und Berufseinstieg

Ist der Berufseinstieg schwieriger geworden? Wird Künstliche Intelligenz (KI) Berufe überflüssig machen? Was heißt das für die Berufliche Orientierung in Schule und Berufsberatung? Diese aktuellen Fragen waren Thema einer spannenden Digital Insights Lounge am 11. Juni 2026.

KI verändert den Arbeitsmarkt – aber nicht die Chancen junger Menschen

Cliff Zofall, Top-Experte bei der Bundesagentur für Arbeit für das Thema Berufseinstieg, gab zunächst Entwarnung: Zwar verändert Künstliche Intelligenz (KI) den Arbeitsmarkt derzeit tiefgreifend, ist aber nicht die einzige Einflussgröße. Entscheidend sei es, dass Jugendliche anpassungsfähig, urteilsfähig und handlungsfähig sind.

Ein Berufsabschluss bleibe nach wie vor das beste Mittel gegen Arbeitslosigkeit und stärke junge Menschen im Umgang mit Unsicherheiten. Wer eine Ausbildung durchlaufe, zeige Durchhaltevermögen und verfüge über zahlreiche Kompetenzen, die im Berufsleben helfen. Die größten Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt hätten nach wie vor Ungelernte ohne Abschluss – sie machen zwei Drittel der Arbeitslosen aus. Jede vollqualifizierende Ausbildung sei daher ein guter Einstieg ins Berufsleben – und keine endgültige Entscheidung: Weiterentwicklungen seien jederzeit möglich.

KI werde Berufe nicht ersetzen, sondern verändern – und zwar jeden Beruf. Die Aufgaben werden komplexer, deshalb gewinne Schlüsselkompetenzen an Bedeutung. Besonders gefragt seien menschliche Kompetenzen, die in ihrer Art unersetzbar sind wie Urteilskraft, Teamarbeit und Konsensfähigkeit. In Bereichen wie Handwerk oder Pflege werde KI zwar ebenfalls Einzug halten, jedoch nur einen kleinen Teil der Tätigkeiten betreffen.

Zofall betonte, dass die persönliche Berufsberatung auch künftig unersetzbar bleibe. Berufsberaterinnen und -berater stellen die richtigen Fragen und helfen Jugendlichen, eine Richtung zu finden. Erst danach könne KI unterstützend eingesetzt werden. Praxiserfahrungen bleiben entscheidend und geben oft sogar den Ausschlag für die Berufswahl. Auch Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen dürften nicht vergessen werden. Für sie stellt KI eine zusätzliche Herausforderung dar.

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Siemens: Ein grundlegender Wandel und neue Chancen

Bettina Weckesser, Global Head of Siemens Professional Education, sprach von einem grundlegenden „Shift“. Der Innovationszyklus verlaufe rasant – waren es früher 2-3 Jahre, sind es nun 2-3 Monate –, und KI sei eine Technologie, die nahezu alle Bereiche durchdringe. KI ist omnipräsent, und dies auch schon in jedem Ausbildungsgang. KI müsse als Werkzeug betrachtet werden, das Arbeit verändert, aber nicht ersetzt. Zentral sei die Frage, welche Fähigkeiten künftig benötigt werden.

Bei den Siemens-Auswahltagen für den Nachwuchs werden mehr denn je auch Schlüsselkompetenzen getestet: Was machen die Jugendlichen bei einem zu lösenden Problem, wie gehen sie vor, wie arbeiten sie zusammen? In der Ausbildung spielten Themen wie Data Analytics und der „Digital Twin“ eine große Rolle. Ein „digitaler roter Faden“ ziehe sich durch die Lernplattformen und Inhalte. Dennoch werde der menschliche Ausbilder keineswegs ersetzt, im Gegenteil, er bleibe besonders für die Lernschwächeren unverzichtbar. Auch wenn einfache Tätigkeiten teilweise wegfallen, bleiben dennoch weiterhin Chancen für Jugendliche auf unterschiedlichen Niveaus bestehen.

Beim Schulzeugnis schaut man durchaus auf Noten, nämlich in Deutsch und Mathematik. Basiskompetenzen in diesen Kernfächern sind fundamental. Zum Ausbildungsstart leistet Siemens hier öfters Nachhilfe, denn das Niveau der Schulleistungen ist gesunken, so Bettina Weckesser. Mit Lernplattformen wie „SIEYA@school“ stellt Siemens selbst Materialien für Schulen und „Learning Nuggets“ aus der Ausbildung bereit, die auch im schulischen Kontext gut genutzt werden können. Berufliche Orientierung bleibe von höchster Relevanz, zumal angesichts der großen Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten.

Infineon: Technikaffinität und Lernbereitschaft

Heiko Schöfer, Director Education Network Infineon Technologies, wies darauf hin, dass KI für Jugendliche im Alltag bereits omnipräsent ist. Letztlich sind wir alle Lernende in Sachen KI und müssen schauen, wie wir sie für uns nutzen. Allerdings meinten manche jungen Leute bei der Bewerbung schon, schlechte Noten in Mathematik oder Physik spielten gar keine Rolle mehr, weil die KI alles regeln werde – so ist es nicht, Fachwissen bleibt gefragt. Nur mit Wissen ist die Einordnung in Zusammenhänge möglich und erschließt sich die Bedeutung.

Wichtig sei, dass Jugendliche ein Gefühl für Technik und Technologien entwickeln. Und wichtiger als perfektes Vorwissen sei die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, das heute mehr denn je gefordert sei. Im Prozess der Berufsorientierung kann KI schon genutzt und erprobt werden. Auch in der Ausbildung spiele KI zunehmend eine Rolle. Dabei geht es vor zunächst um eine Sensibilisierung, um Hands-on-Themen und Verantwortung.

Für die Berufsorientierung und den Berufseinstieg seien das Interesse und die Motivation der jungen Menschen entscheidend. Die Rahmenbedingungen seien schwieriger geworden, eine Bewerbung inzwischen kein Selbstläufer mehr. Lernbereite junge Menschen seien aber immer sehr begehrt.

Microsoft Deutschland: Neue Lernformen im Fokus

Astrid Aupperle, AI National Skills Director Microsoft Deutschland, hob die Dynamik der Entwicklung in der KI hervor – nichts werde mehr ohne KI gehen. Ein Grundverständnis für Daten und die Funktionsweise von KI sei wichtig, aber auch Metakompetenzen seien absolut gefragt. (Soft) Skills wie Empathie, Kommunikation, Werteorientierung, Umgang miteinander rückten in den Fokus ebenso wie Kreativität oder auch Problembewusstsein.

In der Schule biete die KI große Chancen für ein individualisiertes Lernen: Damit könnten Schülerinnen und Schüler viel stärker auf ihrem jeweiligen Niveau gezielt gefördert werden. Lehrkräfte werden zunehmend eine Rolle als Coaches einnehmen. Die Bedeutung von Basiskompetenzen, insbesondere in der Grundschule, sei wichtig. Darüber hinaus sei das Thema KI auch mit Blick auf Fake News und Demokratiebildung von großer Bedeutung und müsse in der Schule stärker berücksichtigt werden. Kritisches Denken gegenüber der KI sei auch gefragt – nicht zuletzt um die stets freundliche KI nicht mit einem echten Lebenspartner zu verwechseln.

Gemeinsames Fazit: Mensch + Maschine im Miteinander

In der Diskussion zeigte sich eine große Einigkeit: KI wird weiter an Bedeutung gewinnen und alle Bereiche der Arbeitswelt beeinflussen. Gleichzeitig bleiben menschliche Kompetenzen unverzichtbar. Fähigkeiten wie Urteilskraft, soziale Kompetenz und Anpassungsfähigkeit werden erheblich weiter an Bedeutung gewinnen. Basiskompetenzen und Fachwissen bleiben als Grundlagen weiterhin gefragt.

Auch einfache Tätigkeiten werden nicht vollständig verschwinden, und selbst Jugendliche, die sich mit KI schwertun, werden weiterhin Chancen haben. Entscheidend ist, dass junge Menschen Orientierung, Unterstützung und praxisnahe Erfahrungen erhalten – denn sie werden auch in Zukunft dringend gebraucht!

Digital Insights ist das gemeinsame Programm von Microsoft Deutschland, Siemens und Infineon mit MINT-EC, SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland und Berufswahl-SIEGEL.

Brücken bauen: Wie eine Förderschule in Düsseldorf Chancen schafft

Wie gelingt Berufliche Orientierung an einer Schule, deren Schülerinnen und Schüler mit besonders schwierigen Startbedingungen ins Leben gehen? Und was braucht es, damit aus ersten Einblicken echte Perspektiven für Ausbildung und Beruf werden? Antworten auf diese Fragen gab ein Besuch an der Martin-Luther-King-Schule in Düsseldorf – einer Schule, die eindrucksvoll zeigt: Talente gibt es überall. Entscheidend ist, wie wir sie unterstützen.

Christina Ramb, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), und Susann Dengler, Geschäftsführerin in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA), nutzten gemeinsam den Tag, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Im Mittelpunkt stand dabei die Berufliche Orientierung und die Frage, wie eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Schule, Bundesagentur für Arbeit und Wirtschaft echte Zukunftschancen eröffnet.

Einblicke, die bleiben: Berufliche Orientierung zum Anfassen

Der Besuch fand in entspannter Atmosphäre statt. Im Lehrerzimmer entwickelte sich schnell ein offener Austausch mit der Schulleitung, Lehrkräften und der Berufsberatung. Es ging um ehrliche Einblicke in den Schulalltag: Was funktioniert gut? Wo liegen die Herausforderungen?

Die Martin-Luther-King-Schule begleitet rund 150 Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihres sozialen und emotionalen Förderbedarfs besondere Unterstützung benötigen. Viele bringen belastende Lebenserfahrungen mit. Umso wichtiger ist die enge Beziehungsarbeit, die hier tagtäglich geleistet wird.

In der Beruflichen Orientierung setzt die Schule auf vielfältige Formate: von Schülerfirmen über digitale Tools wie die TaskCard[1] bis hin zu engen Kooperationen mit externen Partnern. Besonders sichtbar wurde dies im informellen Gespräch mit drei Schülern und einer Schülerin. Ihre unverstellten Perspektiven machten deutlich: Praktische Erfahrungen sind oft der Schlüssel, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Und eine TaskCard, die sich auch über das Ende der Schulzeit hinaus nutzen lässt, gibt Struktur und Sicherheit auf dem Weg in die eigene berufliche Zukunft.

Übrigens: Für das leibliche Wohl sorgte eine Schülerfirma. Das kleine Catering war nicht nur lecker, sondern auch ein sichtbares Beispiel dafür, wie praxisnah Lernen organisiert werden kann.

Das kleine Catering wurde von einer Schülerfirma hergerichtet.

Ein zentrales Fazit des Vormittags: Wenn Schule, Bundesagentur für Arbeit und Wirtschaft an einem Strang ziehen, entstehen echte Perspektiven. Die Martin-Luther-King-Schule lebt diesen Ansatz seit Jahren. Als Berufswahl-SIEGEL-Schule und ausgezeichnete Botschafterschule engagiert sie sich intensiv dafür, Jugendlichen den Übergang in Ausbildung und Arbeit zu erleichtern.

Dabei wird auch offen über Herausforderungen gesprochen: Es braucht mehr Betriebe, die bereit sind, junge Menschen mit schwierigen Biografien aufzunehmen. Denn nicht selten sind mehrere Anläufe notwendig, bis ein Praktikum gelingt oder der Einstieg in die Ausbildung dauerhaft stabil ist. Dafür sind gelebte Netzwerke und starke Partnerschaften vor Ort entscheidend. Das Ziel ist klar: Niemand darf beim Übergang von der Schule in den Beruf verloren gehen.

[1] Die Nutzung der TaskCard als Portfolioinstrument entstand aus dem Projekt „Entwicklungswerkstatt Digitale BO im Netzwerk Berufswahl-SIEGEL“ mit J.P. Morgan.

Perspektiven im Betrieb: Inklusion, die wirkt

Der zweite Teil des Tages führte direkt in die Praxis: in das Düsseldorfer Hotel Amano, einen langjährigen Kooperationspartner der Schule.

Anlässlich der „Woche des Praktikums“ absolvierten Tina Ramb und Susann Dengler ein Kurzpraktikum im Hotel. Unter Anleitung zweier Auszubildender bereiteten sie ein Hotelzimmer auf und setzten damit ein Zeichen für die Wichtigkeit praktischer Erfahrungen. Diese sind oft der entscheidende Türöffner in ein selbstbestimmtes Berufsleben. Berufliche Orientierung gelingt am besten dort, wo Schule und Arbeitswelt eng verzahnt sind, wo Jugendliche erleben können, was sie können und wo sie gebraucht werden.

Beeindruckend war die Atmosphäre im Hotel: pragmatisch, herzlich und offen. Direktorin Ulrike Sassin führt den Betrieb spürbar mit einer Haltung, die auf Vertrauen und Chancen setzt. Seit Jahren bietet das Hotel Schülerinnen und Schülern Praktika an und hat bereits mehrfach junge Menschen in Ausbildung übernommen. Betriebe, die wie das Hotel Amano jungen Menschen mit schwierigen Startbedingungen eine Chance geben, handeln nicht nur sozial, sondern sichern sich auch motivierten Nachwuchs.

Ein Besuch mit Signalwirkung

Der Besuch in Düsseldorf hat deutlich gemacht: Es braucht Engagement, Kreativität und vor allem Zusammenarbeit, um Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen echte Perspektiven zu eröffnen. Die Martin-Luther-King-Schule und das Hotel Amano zeigen, wie das gelingen kann: mit viel Herzblut, klaren Strukturen und starken Partnern. Oder anders gesagt: Talente gibt es überall. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen. Genau diese Brücken wurden an diesem Tag sichtbar.

Berufsorientierung mit Haltung: Was das Berufswahl-SIEGEL aus Sicht der Schulen wirklich bewirkt

Berufsorientierung ist mehr als ein weiteres Aufgabenfeld im Schulalltag. Für viele Lehrkräfte ist sie Herzenssache: Schülerinnen und Schüler dabei zu begleiten, ihren eigenen Weg nach der Schule zu finden, Selbstvertrauen zu entwickeln und realistische Perspektiven aufzubauen. Genau an diesem Punkt setzt das Berufswahl-SIEGEL an – und genau hier entfaltet es seine Wirkung.

Die Wirkungsanalyse des Berufswahl-SIEGELS BoriS in Baden‑Württemberg zeigt eindrucksvoll, warum sich so viele Schulen Jahr für Jahr erneut auf den aufwendigen Zertifizierungsprozess einlassen. Nicht, weil sie „müssen“, sondern weil sie den Mehrwert spüren. Viele berichten: Einmal SIEGEL – immer SIEGEL. Das Siegel wird nicht als Auszeichnung verstanden, die man einmal abhakt, sondern als ein Prozess, der Schule stärkt, zusammenführt und weiterbringt. So lautet ein zentrales Ergebnis der Wirkungsanalyse von Prof. Dr. Thorsten Bührmann und Femke Dumstrei, Hamburg, die sie 2025 im Auftrag der BoriS-Träger für Baden-Württemberg erstellt haben.

Das Landesteam des Berufswahl-SIEGELs Baden-Württemberg (BoriS)
Das Landesteam des Berufswahl-SIEGELs Baden-Württemberg (BoriS)

Wertschätzung für geleistete Arbeit

Was Lehrkräfte dabei besonders wahrnehmen, ist die Wertschätzung für das, was bereits von ihnen geleistet wird. Der Kriterienkatalog zwingt nicht in starre Vorgaben, sondern lädt dazu ein, konzentriert hinzuschauen: Was machen wir eigentlich alles schon in der Berufsorientierung? Was funktioniert gut? Wo haben wir vielleicht blinde Flecken? Für viele Schulen ist dieser Moment der Bestandsaufnahme ein Augenöffner – und zugleich eine Bestätigung. Denn plötzlich wird sichtbar, wie viel Engagement, Kreativität und Verantwortung bereits in der Arbeit steckt.

Strukturierung des Aufgabenfeldes

Gleichzeitig hilft der Zertifizierungsprozess, Struktur in ein sehr komplexes Feld zu bringen. Berufsorientierung wird planbarer, nachvollziehbarer und verbindlicher. Statt einzelner Projekte entsteht ein tragfähiges Gesamtkonzept, das von mehreren Schultern getragen wird. Viele Lehrkräfte erleben das als große Entlastung. Berufsorientierung ist dann nicht mehr das Thema weniger Einzelkämpfer, sondern eine gemeinsame Aufgabe des Kollegiums. Aufgaben lassen sich verteilen, Wissen bleibt erhalten, auch wenn Personen wechseln – und niemand hat mehr das Gefühl, allein „den Laden zusammenhalten“ zu müssen.

Jury = kritische Freunde

Besonders wichtig ist für viele Schulen die Rezertifizierung. Sie wirkt nicht als Kontrolle, sondern als ehrliche Einladung zur Reflexion. In den Gesprächen mit der Jury entsteht Raum, um innezuhalten, nachzuschärfen und neue Ideen zu entwickeln. Lehrkräfte beschreiben diesen Prozess als professionell, wertschätzend und ermutigend. Leitend ist die Frage: Was hilft unseren Schülerinnen und Schülern wirklich?

Ein weiterer, oft unterschätzter Effekt ist die Anerkennung. Die Auszeichnung mit dem BoriS‑ Berufswahl-SIEGEL macht sichtbar, dass Berufsorientierung Arbeit ist – und zwar anspruchsvolle und erfolgreiche Arbeit. Die Plakette an der Schule, die Auszeichnungsveranstaltungen, das positive Feedback von Eltern, Betrieben und externen Partnern: Alles dies stärkt den Rücken. Viele Lehrkräfte berichten, dass Berufsorientierung dadurch an Gewicht gewinnt – im Kollegium, gegenüber der Schulleitung und auch nach außen. Sie wird vom Randthema zum Teil des schulischen Selbstverständnisses.

Auszeichnung öffnet Türen

Das Siegel öffnet zudem Türen. Schulen mit Zertifizierung profitieren von stabileren Kooperationen mit Betrieben, Kammern, Hochschulen und der Agentur für Arbeit. Die Zusammenarbeit wird verbindlicher, verlässlicher und zielgerichteter. Für Lehrkräfte heißt das: weniger Zufall, mehr Qualität. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet es mehr Praxisnähe, bessere Praktika, mehr Begegnungen mit der Arbeitswelt – und damit mehr Motivation und Sicherheit in der Berufsentscheidung.

Besonders eindrücklich ist, wie klar die Schulen den Nutzen für die Jugendlichen benennen. Durch das SIEGEL gibt es mehr Gelegenheiten, Berufswelt wirklich zu erleben. Mehr Betriebsbesuche, mehr externe Expertinnen und Experten im Unterricht, besser begleitete Praktika. Schülerinnen und Schüler sind aktiver, neugieriger und reflektierter. Sie erleben, dass Schule sie ernst nimmt – auch in Fragen ihrer Zukunft.

SIEGEL als lernendes System

Gleichzeitig macht die Wirkungsanalyse deutlich: Das Berufswahl-SIEGEL ist ein lernendes System. Lehrkräfte bringen zahlreiche Impulse für die Weiterentwicklung ein – etwa eine stärkere Sichtbarkeit von Inklusion, mehr kontinuierliche Begleitung statt punktueller Belastung oder neue Formen der Vernetzung und Anerkennung. Dahinter steht der Wunsch, das Siegel noch besser an den schulischen Alltag anzupassen und Schulen langfristig zu stärken.

Am Ende bleibt ein klares Bild: Das SIEGEL gibt den Lehrkräften Rückenwind für die Berufsorientierung. Es schafft Struktur, bringt Wertschätzung und erinnert daran, warum Berufsorientierung so wichtig ist: Weil es um junge Menschen und ihre Zukunft geht.

BoriS Berufswahl-SIEGEL Baden-Württemberg 2026
BoriS Berufswahl-SIEGEL Baden-Württemberg 2026
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