Erste Ergebnisse der externen Evaluation des Berufswahl-SIEGEL – Ein Interview mit Prof. Dr. Julia Schütz

  • 7. Juni 2019

Wie wird die Bekanntheit des SIEGELs von den Lehrkräften für Berufliche Orientierung eingeschätzt? Sind die Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern oder auch Hochschulen vor Ort über das SIEGEL informiert? Was erwarten und wünschen die Schulen für sich vom SIEGEL-Prozess? Mit diesen und weiteren Fragen erforscht die Evaluation die Wirksamkeit des Berufswahl-SIEGELs zunächst einmal bei den Schulen selbst, in weiteren Schritten bei Unternehmen u.a. Prof. Dr. Julia Schütz von der Fernuniversität in Hagen gibt hier Auskunft über die Anlage der bundesweiten Evaluation und die ersten Ergebnisse.

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Prof. Dr. Julia Schütz ist gelernte Diplompädagogin. Nach Stationen an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M., Universität Hamburg und Universität Lüneburg und der Habilitation in Frankfurt leitet sie seit 2017 den Bereich Empirische Bildungsforschung an der FernUniversität in Hagen.
(Foto: Prof. Dr. Julia Schütz)

Liebe Frau Professorin Schütz,

Wie ist die Evaluation der Wirksamkeit des SIEGELs angelegt?
“In der bundesweiten Evaluation haben wir die Wirksamkeit des SIEGELs gewissermaßen operationalisiert, d.h. wir haben Fragen zur Wahrnehmung des SIEGELS (Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, Bekanntheit), zur generellen Wirkung und zu konkreten Auswirkungen gestellt. Wie und in welcher Form wird an den Schulen auf das SIEGEL hingewiesen? Gibt es eine Plakette am Schulgebäude oder steht die SIEGEL-Zertifizierung auch auf den Schulzeugnissen der Schülerinnen und Schüler? Und wie wird die Bekanntheit des SIEGELs innerhalb und außerhalb der Schule von den Lehrkräften für Berufliche Orientierung eingeschätzt? Die Wirkung des SIEGELs auf Schulentwicklungsprozesse haben wir beispielsweise durch Fragen nach der Zusammenarbeit im Kollegium abgefragt. Hat sich hier in Hinblick auf die Berufliche Orientierung etwas verändert? Eine – gewissermaßen – allumfassende Wirksamkeit zu erheben, ist und bleibt schwierig. Daher ist es immer notwendig auf Teilbereiche zu fokussieren. Und, was noch viel wichtiger ist, die Evaluationsergebnisse müssen jetzt, in einem nächsten Schritt zum Anlass genommen werden, über die Wirkung und die Wirksamkeit des SIEGELs nachzudenken.”

Was sind Ihre ersten Erkenntnisse aus der Umfrage bei den SIEGEL-Schulen?
“Wir verstehen uns in diesem Projekt insbesondere als empirische Forscherinnen und weniger als Expertinnen für Berufliche Orientierung. Das hat zur Folge, dass die empirischen Befunde jetzt mit den jeweiligen Expertinnen und Experten diskutiert werden müssen z. B. auf der Bundestagung in Kiel. Ich persönlich finde in den Ergebnissen interessant, dass die Eltern- und Schülerschaft anscheinend noch unzureichend über das SIEGEL informiert ist. Ebenfalls scheinen die Kooperationen zwischen Schulen und Hochschulen hinsichtlich Berufs- und Studienorientierung noch – soweit dies überhaupt gewollt ist – ausbaufähig.”

Was wünschen Sie sich für die Schulen, damit die Berufliche Orientierung gut bzw. besser klappt?
“In Hinblick auf das Berufswahl-SIEGEL lässt sich der Wunsch der Schulen mit konkreten Zahlen benennen: 14 % wünschen sich für die gesamte SIEGEL-Zertifizierung mehr Unterstützung. Insbesondere bei der schulischen Weiterentwicklung (33 %), der Netzwerkbildung (28 %) und der schriftlichen Bewerbung (18 %). Darüber hinaus streben die Schulen eine bessere Vernetzung untereinander an. Dies ließe sich ggf. über eine virtuelle Umgebung realisieren.”

Bundestagung des Netzwerks Berufswahl-SIEGEL in Kiel

  • 6. Juni 2019

Über 40 Träger von SIEGEL-Regionen aus allen Bundesländern trafen sich am 3. und 4. Juni 2019 zu ihrer Bundestagung in Kiel auf freundliche Einladung des Berufswahl-SIEGEL Schleswig-Holstein.

Auf der jährlichen Bundestagung tauschen sich die Trägerregionen aus und sprechen sich für ihr weiteres gemeinsames Vorgehen ab. Professor Bührmann für die wissenschaftliche Begleitung und Professorin Julia Schütz für die externe Evaluation stellten die ersten Ergebnisse der Befragung von Schulen zum SIEGEL vor. Mehr dazu in den Interviews hier im Blog!

Die aktuelle SIEGEL-Statistik zeigt einen Anstieg der Schulen mit Berufswahl-SIEGEL und vor allem einen Anstieg der Personen, die sich im Netzwerk engagieren – sehr erfreulich! Die Präsenz des SIEGELs im Internet – mit Newsletter, Blog und twitter – wurde positiv bewertet. Jeder konnte sich über die verschiedenen Angebote – SIEGEL goes digital, Schüler-Azubi-Camps und Netzwerktag Berufswahl-SIEGEL- informieren und über eine Mitwirkung nachdenken. Im Zentrum der Diskussion stand die Zusammenarbeit des Netzwerks Berufswahl-SIEGEL mit dem Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT. Die Zusammenarbeit läuft vor Ort sehr gut, allerdings hat SCHULEWIRTSCHAFT auch andere Themen als die Berufliche Orientierung und stehen hinter dem Berufswahl-SIEGEL meistens noch weitere Träger als SCHULEWIRTSCHAFT. Insofern sind die Schnittmengen groß, aber nicht völlig deckungsgleich. Schönes Detail: Das SIEGEL-Auto  aus Ostwestfalen-Lippe parkte werbewirksam vor dem Tagungsort.

Das SIEGEL als Erfolgsstory – 1.581 SIEGEL-Schulen bundesweit.

  • 4. Juni 2019

Die neue SIEGEL-Statistik ist da – und die Zahl der SIEGEL-Schulen ist auf 1.581 im Jahr 2018 gestiegen!

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2018: 1581 Schulen
2017: 1543 Schulen
2015: 1495 Schulen
2013: 1444 Schulen
2011: 1165 Schulen
2009: 721 Schulen
2000: 26 Schulen

Davon sind …

822 Allgemeinbildende Schulen der Sekundarstufe 1
496 Allgemeinbildende Schulen der Sekundarstufe 2
216 Förderschulen
47 Berufsbildende Schulen mit Vollzeitbildungsgängen

Auch die Zahl der engagierten Personen im Netzwerk ist nochmals hochgeklettert von zuletzt 1.440 auf jetzt 1.519 Menschen – Herzlichen Dank für das Engagement!

Dabei kommen …

27 % aus Unternehmen
11 % aus den Agenturen für Arbeit
9 % aus Schulamt & Schulverwaltung
19 % Lehrkräfte & Schulleitung
17 % aus Verbänden, Kammern & Stiftungen
2 % aus der Elternschaft
1 % sind Schüler/-innen, Azubis & Studierende
7 % von Bildungsträgern und sozialen Einrichtungen
7 % Sonstige

Jugendliche haben heute viele Möglichkeiten – zu viele?

  • 28. Mai 2019
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Berufsorientierung gegen Optionsstress

Beim Übergang von der Schule in den Beruf haben junge Menschen heute eine breite Palette an Möglichkeiten, denn die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind so gut wie lange nicht, auch wenn es regionale Unterschiede gibt. Die Jugendarbeitslosenquote ist auf dem Tiefstand. Der Beruf hat für Jugendliche eine zunehmende Bedeutung, auch die Familie gewinnt – die Ansprüche der Jugendlichen an ihre Selbstverwirklichung sind damit gestiegen. So macht es eine aktuelle Untersuchung am Deutschen Jugendinstitut (dji) im Forschungsschwerpunkt „Übergänge im Jugendalter“ deutlich.

Im Berufswahlprozesses sehen die jungen Menschen viele mögliche Anschlussoptionen, Ausbildungsmöglichkeiten, Studienrichtungen, Freiwilligendienste, auch den vielfach unübersichtlichen „Übergangsbereich“. Welche persönlichen, teils weitreichenden Konsequenzen damit aber jeweils genau verbunden sind, ist für sie immer schwieriger einzuschätzen. Der Fachkräftebedarf zum Beispiel ist für sie nicht erkennbar. Dabei besteht Zeitdruck – sie müssen sich zwischen komplexen Optionen entscheiden und geraten angesichts der Vielfalt an unwägbaren Möglichkeiten in einen „Optionsstress“. Dies gilt zumal für Hauptschulabgänger/innen, bei denen sich inzwischen die Hälfte Sorgen um die eigene Zukunft macht. Sie haben weniger Sorge, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, sondern was Ausbildung und Arbeit für sie bedeuten und mit sich bringen werden. „Der Wandel der Anforderungen am Übergang besteht also darin, dass sich Jugendliche heute zwar weniger um eine Platzierung auf dem Ausbildungs- und Erwerbsmarkt sorgen, dafür aber in weit stärkerem Maße mit der Komplexität von Entscheidungen und berufsbiografischen Unsicherheiten umgehen müssen“, stellen Frank Tillmann und Birgit Reißig, Autoren der Studie am DJI, anhand der Befragungen fest.

  • Dies hat Konsequenzen für die Akteure in der Berufsberatung wie die Lehrkräfte und die Berufsberaterinnen und Berufsberater der Arbeitsagenturen. Während die Jugendlichen eher nach Zielen wie Selbstverwirklichung, Sinnstiftung oder materielle Sicherheit fragen, schauen die Beratungen eher nach der Passung und Effektivität. Wird die Motivation der jungen Leute nicht richtig wahrgenommen und abgeholt? Sie ist die Ausgangsbasis für Interesse, Durchhaltevermögen und Anstrengungsbereitschaft. Die Beratung setze oft Motivation, auch Selbstwertgefühl und Selbstorganisation bei den Jugendlichen als selbstverständlich gegeben voraus, kritisieren die Wissenschaftler. Insbesondere benachteiligte Jugendliche – mit vielfachen Misserfolgen und Zurückweisungen in Schule, Peergroup und Familie – empfinden den institutionellen Unterstützungsprozess daher oft als fremdbestimmt und werden erst recht nicht erreicht.
  • Daher plädiert das Forscherteam für ein Unterstützungssystem, das von standardisierten Angeboten abrückt und ganz an den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen ansetzt. Sie plädieren für mehr Gespräche und weniger standardisiertes Profiling. Am wichtigsten sei es, die Komplexität an schulischen und nachschulischen Optionen beziehungsweise Angeboten für die Jugendlichen herunterzufahren. Zum Beispiel indem man mit Informationen über regionale Ausbildungsangebote und künftige Fachkräftebedarfe vor Ort anfängt und die lokalen Möglichkeiten transparent macht.
  • Fazit: Auch in Zeiten eines sehr guten Angebots an Ausbildungsplätzen wird die Berufliche Orientierung in der Schule keineswegs überflüssig, sondern braucht es gerade eine gute, systematische und stärkenorientierte Berufliche Orientierung. Dafür bietet das Berufswahl-SIEGEL eine hervorragende Grundlage.


überaus – Fachstelle Übergänge in Ausbildung und Beruf
DJI – Deutsches Jugendinstitut