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Migrantenkinder brauchen gezielte Berufliche Orientierung in der Schule. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).

Das Übergangsverhalten bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund nach der Schule sieht viel ungünstiger aus als bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Zahlen zeigen, dass sie häufiger als andere ausgerechnet solche Bildungswege anstreben, für die ein höheres Kompetenzniveau notwendig wäre als das von ihnen erreichte. In der Folge tun sie sich schwerer, den gewünschten Ausbildungs- oder Studienplatz zu bekommen, und bleiben am Ende auch häufiger ganz ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Sie scheitern in Ausbildung und Studium öfter und holen dann auch oft nicht noch den Abschluss im Bildungssystem nach.

 

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Familien sind entscheidend
Also ist die Berufsorientierung für junge Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Familien von großer Bedeutung! Die Familien kennen die deutsche duale Ausbildung häufig nicht aus ihren Herkunftsländern, unterschätzen daher ihren Wert und drängen den Nachwuchs zu sehr in den akademischen Bildungsweg. Wichtig sind gezielte Beratungsangebote, schlägt die IW-Studie vor, um jungen Menschen dabei zu helfen, eine alternative Ausbildung zu finden, wenn sie mit ihrem aktuellen Bildungsgang überfordert oder nicht zufrieden sind. Voraussetzung ist natürlich die Ausbildungsreife am Ende der Schullaufbahn: Sie ist für den weiteren Erfolg und die Position am Ausbildungsmarkt entscheidend. Wenn Betriebe häufig erleben, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund ihre Ausbildung öfter nicht erfolgreich zu Ende führen, werden sie im Zweifel bei der nächsten Bewerberrunde zurückhaltender werden…

40 Prozent versus 24 Prozent
Unterschiede zeigen sich bereits im Bildungssystem: So besuchten 2016 rund 40 Prozent der 13- bis 15-Jährigen ohne Migrationshintergrund ein Gymnasium, bei Gleichaltrigen, die bis zum Alter von zwölf Jahren nach Deutschland zuwanderten, waren es knapp 24 Prozent. Kinder mit ausländischen Wurzeln besuchten häufiger eine Hauptschule. Außerdem verfolgten 2016 überproportional viele 18- bis 20-Jährige mit Migrationshintergrund weder einen akademischen noch einen beruflichen Bildungsweg, wie das IW feststellte.

Ambitioniert, aber nicht früh genug
Oft seien die Bildungsziele für Migrantenkinder allerdings sogar höher als bei anderen Eltern mit einem vergleichbaren Bildungsstand. Aber die häufig bildungsfernen und einkommensschwachen Eltern lassen die Kinder erst spät eine Betreuungseinrichtung besuchen. Die mangelnden Sprachkenntnisse bleiben ein Handicap auf dem weiteren Bildungsweg.

Wird schon im Alter von unter drei Jahren eine Kindertageseinrichtung besucht, so reduziert sich die Wahrscheinlichkeit signifikant, in der 7. Klasse auf eine Haupt- oder Förderschule zu kommen. Relevant ist auch die Häufigkeit, mit der zu Hause Deutsch gesprochen wird, für die erreichten Kompetenzen der Kinder. Daher ist Sprachförderung besonders wichtig. Die Lehrerqualifikationen „Deutsch als Zweitsprache“ sollten deutlich ausgebaut werden, fordert das IW zu Recht, ebenso die Möglichkeit digitaler Bildungsangebote für flexible Weiterbildungen.

Ungünstige Startchancen
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wachsen öfter in einkommensschwachen Familien auf. Während nur 6,3 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern ohne Migrationshintergrund ihr Einkommen hauptsächlich aus Arbeitslosengeld I/II, Sozialhilfe oder sonstiger Unterstützung bezogen, traf dies auf 17,3 Prozent der Eltern mit Migrationshintergrund zu. Rund 16 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund haben dabei mehr als drei Kinder unter 18 Jahren, in den anderen Familien waren es nur 9,2 Prozent. Den Kindern fehlen daher oft Rückzugsräume für konzentrierte Aktivitäten wie Hausaufgaben oder Lesen.

Mit zunehmender Qualifikation lesen Mütter ihren Kindern häufiger in deutscher Sprache Geschichten vor. Auch der Anteil der Kinder, die täglich Fernsehen oder Videos schauen, nimmt mit steigendem Bildungshintergrund der Mütter ab. Kinder mit Migrationshintergrund sehen häufiger täglich TV oder Videos.

Mehr Hauptschule als Gymnasium
Laut PISA 2015 hatten 75 Prozent der Hauptschulen und 54 Prozent der Realschulen, aber nur 36 Prozent der Gymnasien einen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund von über 25 Prozent. In 39 Prozent der Hauptschulen und 23 Prozent der Realschulen hat mehr als die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund, aber nur in 5 Prozent der Gymnasien, stellt der Bildungsbericht 2018 fest. Gleichzeitig sind die Anteile der Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status in Hauptschulen meist sehr hoch und in Gymnasien meist eher niedrig. Es sind also vor allem die Hauptschulen und die diesen vergleichbaren Schulen, die einen besonderen Beitrag zur Integration leisten müssen, wohingegen die Gymnasien in der Regel nur eine kleine Zahl ohnehin leistungsstarker Schüler integrieren.

Schulen tun einiges!
Nach einer Befragung von Schulleitungen aus 2014 gibt es an knapp jeder dritten Schule, die Neuntklässler unterrichtet, speziellen Förderunterricht für die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Rund jede siebte Schule hat spezielle Paten-, Mentoren- oder Tutorenprogramme eingerichtet und bietet spezielle Maßnahmen zur Berufsorientierung an. Zudem offeriert rund jede vierte Schule ihren Lehrkräften mindestens eine Fördermaßnahme im Bereich Integration; bei den Schulen mit einem Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund von über 10 Prozent ist es sogar jede Dritte. Besonders häufig sind dabei Kurse in „Deutsch als Zweitsprache“. Einige Schulen machen darüber hinaus spezielle Integrationsmaßnahmen an weiterführenden Schulen, zeigt die IW-Studie auf.

Migrantenkinder mit Abitur studieren häufiger …
Den Bildungsweg „Gymnasium und Studium“ wählen in Deutschland geborene 18- bis 20-Jährige mit Migrationshintergrund mit 44,6 Prozent sogar häufiger als andere ohne Migrationshintergrund (43,7 Prozent). Auch bei den bis zum Alter von 12 Jahren Zugewanderten ist der Anteil mit 40,5 Prozent nur wenig niedriger. Dieses Ergebnis ist angesichts der Schulabschlüsse junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund  zwar überraschend – die IW-Studie erklärt es so: Wenn junge Migranten die Studienberechtigung erreicht haben, dann wollen sie häufiger auch die Möglichkeit realisieren und eben ein Studium aufgreifen.

… und brechen häufiger ab
In der Folge kommt es bei Studierenden mit Migrationshintergrund allerdings auch wesentlich häufiger zu Studienabbrüchen. Im Bachelorstudium liegt die Abbruchquote bei ausländischen Studierenden – nach Migrationshintergrund differenzierte Zahlen liegen nicht vor –, die ihre Hochschulzulassung in Deutschland gemacht haben, etwa bei 43 Prozent gegenüber 29 Prozent bei Inländern. Ein Risikofaktor ist und bleibt die ungünstige Ausgangslage mit Blick auf Bildungsherkunft und Art des Schulabschlusses. Ein weiterer ist das Studienfach, dessen Wahl stark von der Familie beeinflusst ist und nicht unbedingt den eigenen Wünschen entspricht. Auch Probleme bei der Studienfinanzierung und schlechtere Studienleistungen spielen eine Rolle. Teilweise haben auch in Deutschland zur Schule gegangene Studierende mit Migrationshintergrund doch noch Defizite bei der sprachlichen Kompetenz. Die Studie wünscht sich hier eine eigene gezielte Förderung an den Hochschulen.

Berufliche Bildung als Alternative
Nach der Exmatrikulation nehmen die Studienabbrecher mit Migrationshintergrund vergleichsweise selten eine weitere Ausbildung auf. Ein halbes Jahr nach Studienabbruch sind nur 34 Prozent von ihnen in einer Berufsausbildung – im Vergleich zu 46 Prozent der Studienabbrecher ohne Migrationshintergrund. Ein beträchtlicher Teil der 18- bis 20-Jährigen mit Migrationshintergrund, die den Bildungsweg Gymnasium und Studium einschlagen, erreicht also ihr Ziel nicht und bleibt letztlich sogar ohne berufsqualifizierenden Abschluss.

Im Bereich „Berufliche Ausbildung“ waren 2016 relativ wenige 18- bis 20-Jährige mit Migrationshintergrund. Der Anteil bei den in Deutschland Geborenen liegt bei 30,2 Prozent, bei den bis zum Alter von 12 Jahren Zugewanderten bei 31,2 Prozent. Bei Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund sind es fast 40 Prozent. Dabei spielt – neben der höheren Studierneigung – auch das niedrigere schulische Abschlussniveau eine Rolle. Betrachtet man die Ausbildungsanfängerquote, die nicht nach Migrationshintergrund differenziert, lag diese 2016 für Deutsche bei 55,8 Prozent und für Ausländer bei 27,6 Prozent.

Betriebe mit wenig Bewerbungen
75 Prozent der Unternehmen, die keine Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausbilden, gaben als Hauptgrund an, dass ihnen keine Bewerbungen vorlägen. Dabei mangelte es nicht an Angeboten, wenn 2017 rund 49.000 Ausbildungsstellen unbesetzt blieben. Allerdings bewerben sich rund 38 Prozent der von ihnen für Ausbildungsberufe, für die ihr Schulabschluss eher zu niedrig ist.  Mehr unversorgte Bewerber als unbesetzte Stellen bei gleichzeitig hohem Ausländeranteil unter Jugendlichen finden sich jedoch nur in einer Reihe größerer Städte, vor allem im Ruhrgebiet.

2016 wurden über ein Drittel der Ausbildungsverträge von Ausländern vorzeitig gelöst; der Anteil bei Inländern lag bei einem Viertel. Nur 84,2 Prozent der ausländischen Auszubildenden schafften die Abschlussprüfungen im Vergleich zu 93,2 Prozent der inländischen. Besonders viele 18- bis 20-Jährige mit Migrationshintergrund verfolgten 2016 allerdings weder einen akademischen noch einen beruflichen Bildungsweg.

Die IW-Studie bietet einen Fundus an Hintergründen zum Thema der Bildungswege und Arbeitsmarktchancen von Migranten in Deutschland: Download der IW-Studie als PDF

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